Halbjahresrückblick im Beruf: Kurs halten oder neu justieren?
- Barbara Meier

- vor 3 Tagen
- 4 Min. Lesezeit

Das Jahr ist zur Hälfte vorbei.
Vielleicht gehörst du zu den Menschen, die Anfang Jahr voller Motivation Ziele definiert, Pläne geschmiedet und Entscheidungen getroffen haben. Vielleicht hast du aber auch einfach losgelegt und dich Schritt für Schritt durch die ersten Monate gearbeitet.
Und jetzt?
Die Sommerferien stehen vor der Tür. Viele nutzen diese Zeit, um kurz durchzuatmen. Doch bevor der Fokus bereits auf die zweite Jahreshälfte gerichtet wird, lohnt sich eine andere Frage:
Brauchst du wirklich neue Ziele – oder solltest du zuerst anerkennen, was du bereits erreicht hast?
Genau darin liegt für mich die eigentliche Stärke eines Halbjahresrückblicks.
Halbjahresrückblick im Beruf: Warum wir unsere Fortschritte oft übersehen
In meiner eigenen Selbstständigkeit durfte ich in den vergangenen Monaten eine interessante Beobachtung machen.
Immer wieder gab es Momente, in denen ich dachte: «Jetzt wäre es schön, wenn wieder ein neuer Kunde oder eine neue Kundin dazukäme.»
Und tatsächlich kam oft kurz darauf wieder eine Anfrage.
Trotzdem ertappte ich mich zwischendurch bei dem Gefühl, dass es nicht schnell genug vorwärtsgeht oder dass ich noch weiter sein müsste.
Wenn ich dann einen Blick auf meine Zahlen warf, zeigte sich ein anderes Bild: Das Wachstum war da. Nicht explosionsartig. Nicht spektakulär. Aber stetig.
Eigentlich genau so, wie ich es mir gewünscht hatte.
Diese Erfahrung erinnert mich daran, wie schnell wir Menschen unsere Aufmerksamkeit auf das richten, was noch fehlt, statt auf das, was bereits gelungen ist.
Viele Fortschritte passieren schleichend. Gerade deshalb werden sie oft übersehen.
Kurs halten statt bei jedem Hindernis den Weg wechseln
Diese Woche führte ich ein Coaching mit einer Person, die vor Kurzem eine neue Funktion übernommen hat.
Nach den ersten Schwierigkeiten kam bereits die Frage auf, ob die Entscheidung überhaupt richtig gewesen sei.
Das ist ein Muster, das ich häufig beobachte.
Sobald das erste Hindernis auftaucht, entsteht die Versuchung, den eingeschlagenen Weg infrage zu stellen.
Dabei bedeutet ein Hindernis nicht automatisch, dass der Kurs falsch ist.
Zu Beginn einer Zusammenarbeit spreche ich oft über zwei wichtige Elemente:
Wir werden von einer Motivation angestossen.
Wir werden von einem Ziel angezogen.

Je klarer diese beiden Faktoren sind, desto leichter fällt es, mit Rückschlägen, Unsicherheiten und unerwarteten Herausforderungen umzugehen.
Wer hingegen weder die eigene Motivation noch das eigentliche Ziel klar benennen kann, verliert bei Schwierigkeiten schneller die Orientierung.
Deshalb lohnt sich zur Jahresmitte nicht nur die Frage, ob neue Ziele notwendig sind.
Viel wichtiger ist oft die Frage:
Ist mein Ziel noch das richtige – und weiss ich noch, warum ich ursprünglich losgegangen bin?
Was würdest du in deiner eigenen Biografie erwähnen?
Eine Frage, die ich meinen Klient:innen regelmässig stelle, lautet:
Welche Meilensteine aus den letzten sechs Monaten würdest du in deiner eigenen Biografie erwähnen?
Und direkt danach:
Worauf bist du stolz?
Interessanterweise fällt vielen Menschen die zweite Frage deutlich schwerer.
Wir sind oft sehr gut darin, Fehler zu analysieren, Schwächen zu erkennen und Verbesserungspotenziale aufzuzählen.
Die eigenen Fortschritte wahrzunehmen gelingt uns deutlich schlechter.
Dabei ist Anerkennung kein Luxus.
Sie ist eine wichtige Voraussetzung für Motivation, Selbstvertrauen und mentale Stärke.
Wer nur auf das schaut, was noch nicht erreicht wurde, verliert irgendwann die Energie für den weiteren Weg.
Warum wir mit uns selbst oft härter umgehen als mit anderen
In Coachings beobachte ich immer wieder, dass Menschen mit sich selbst deutlich strenger umgehen als mit ihrem Umfeld.
Wenn etwas nicht nach Plan läuft, wird schnell kritisiert, bewertet oder an den eigenen Fähigkeiten gezweifelt.
Deshalb stelle ich manchmal eine einfache Gegenfrage:
Was würdest du deinem besten Freund oder deiner besten Freundin in derselben Situation raten?
Die Antworten fallen meist erstaunlich wohlwollend aus.
Plötzlich werden Fortschritte sichtbar. Herausforderungen werden realistischer eingeordnet. Und der Blick auf die Situation wird ausgewogener.
Neben dieser Selbstkritik fehlt vielen Berufstätigen oft eine klare Struktur für schwierige Situationen.
Was mache ich, wenn ein Problem auftaucht?
Was ist jetzt wirklich wichtig?
Worauf habe ich Einfluss?
Genau hier hilft Reflexion. Nicht um Probleme schönzureden, sondern um handlungsfähig zu bleiben. Wie mentale Klarheit dabei konkret unterstützt, habe ich im Blogbeitrag Mentale Klarheit im Beruf: Selbstführung statt guter Vorsätze beschrieben.
Bereits im Frühling habe ich im Blogbeitrag Frühjahrs-Check-in im Beruf: Steuerst du – oder wirst du gesteuert? darüber geschrieben, wie wichtig regelmässige Standortbestimmungen im Berufsalltag sind. Der Halbjahresrückblick ist die ideale Gelegenheit, diesen Gedanken erneut aufzugreifen und bewusst Bilanz zu ziehen.
Fazit: Nicht immer neu justieren – manchmal einfach anerkennen
Ein Halbjahresrückblick im Beruf muss nicht zwangsläufig zu neuen Zielen führen.
Manchmal zeigt er etwas viel Wertvolleres:
Du bist bereits auf dem richtigen Weg.
Vielleicht braucht es keine grosse Kurskorrektur. Vielleicht genügt es, den eingeschlagenen Kurs bewusst weiterzuführen, einzelne Bereiche zu ergänzen und die bisherigen Fortschritte anzuerkennen.
Denn mentale Stärke entsteht nicht nur durch neue Ziele.
Sie entsteht auch dadurch, wahrzunehmen, was bereits gelungen ist.
Dein nächster Schritt
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