Eltern & Trainer beim Saisonstart: Begleiten ohne Erwartungsdruck


Vor zwei Wochen war ich mit meinem Mann in Zermatt wandern. Unsere letzte Nacht verbrachten wir auf der Hörnlihütte – dem Ausgangspunkt für die Besteigung des Matterhorns. Noch vor Sonnenaufgang beobachtete ich die Stirnlampen der Bergsteiger, die sich ab 4.20 Uhr langsam den Weg nach oben bahnten. Trotz den aktuellen Warnungen hatten sich einige entschieden, den Aufstieg zu wagen.
Neben mir stand ein Vater aus den USA. Gemeinsam verfolgten wir schweigend, wie die kleinen Lichter immer höher in den Berg stiegen. Irgendwann kamen wir ins Gespräch. Er erzählte mir, dass sein 12-jähriger Sohn mit zwei Bergführern unterwegs auf den Gipfel war.
Eigentlich war geplant gewesen, dass der Vater selbst mitgehen würde. Doch bereits beim Aufstieg zur Hörnlihütte am Vortag hatte er gemerkt, dass seine eigene körperliche Verfassung nicht ausreichen würde. Er traf eine Entscheidung, die mich noch lange beschäftigte: Er blieb zurück und vertraute seinen Sohn den beiden Bergführern an.
Mein erster Gedanke war: Wow – das ist wirklich loslassen.
Den eigenen Traum loslassen. Dem Sohn nicht im Weg stehen. Keine Kontrolle mehr darüber haben, was gerade am Berg geschieht.
Und in diesem Moment ging es nicht einfach darum, ob ein Wettkampf gelingt oder ob ein Tor erzielt wird. Am Matterhorn kann eine falsche Entscheidung lebensbedrohliche Folgen haben.
Ich bewunderte den Vater nicht einfach nur. Ich spürte auch seine Nervosität. Seine Unsicherheit. Seine Sorge. Gleichzeitig fragte ich mich ehrlich: Hätte ich mein eigenes Kind mit zwölf Jahren gehen lassen?
Natürlich ist ein Saisonstart nicht mit einer Matterhornbesteigung vergleichbar. Und trotzdem erinnerte mich diese Begegnung an viele Gespräche mit Eltern von jungen Sportlern, die ich in meinen Coachings begleite. Auch sie stehen immer wieder vor der Herausforderung, loszulassen, Vertrauen zu schenken und ihrem Kind den eigenen Weg zuzutrauen.
Eltern, Trainer und mentale Stärke im Nachwuchs – Vertrauen ist kein Zufall
Je länger ich über dieses Gespräch nachdachte, desto klarer wurde mir etwas.
Der Vater vertraute seinen Sohn nicht einfach blind fremden Menschen an.
Einer der beiden Bergführer hatte den Jungen bereits auf mehreren Touren begleitet. Sie kannten sich. Es war Vertrauen entstanden. Noch wichtiger waren jedoch die klar vereinbarten Grenzen.
War die Solvayhütte nicht innerhalb einer bestimmten Zeit erreicht, würden sie umkehren. Ohne Diskussion. Ohne Druck. Ohne falschen Ehrgeiz.
Der Vater erhielt unterwegs Rückmeldungen darüber, wie es seinem Sohn ging und wo sie sich befanden. Als schliesslich die Nachricht kam, dass der Junge kurz vor acht Uhr den Gipfel erreicht hatte und bereits wieder im Abstieg war, war seine Erleichterung riesig.
In diesem Moment wurde mir bewusst:
Vertrauen bedeutet nicht, Verantwortung abzugeben. Vertrauen bedeutet, Verantwortung bewusst den richtigen Menschen zu übergeben.
Genau das wünsche ich mir auch im Nachwuchssport.
Vertrauen ist kein Bauchgefühl. Vertrauen entsteht dort, wo Kommunikation, Fachkompetenz, gemeinsame Werte und klare Grenzen zusammenkommen.
Trainer bringen ihre sportliche und menschliche Kompetenz mit. Eltern kennen ihr Kind meist besser als jede andere Person. Beides ist wichtig – solange jede Person ihre Rolle kennt und respektiert.
Begleiten statt steuern

In meinen Coachings erzählen mir Eltern immer wieder von ähnlichen Fragen.
Wird mein Kind fair behandelt?
Was mache ich, wenn es unglücklich vom Training nach Hause kommt?
Wann höre ich einfach nur zu und wann muss ich eingreifen?
Ich finde diese Fragen absolut verständlich. Sie zeigen, wie sehr Eltern ihre Kinder unterstützen wollen.
Gleichzeitig beobachte ich oft, dass genau diese Sorge ungewollt Druck erzeugt.
Vor dem Training noch schnell einen Tipp geben.
Nach dem Wettkampf jede Situation analysieren.
Die Entscheidungen der Trainer hinterfragen.
Alles geschieht aus den besten Absichten.
Doch manchmal brauchen Kinder gar keine Lösung. Sie brauchen einfach jemanden, der zuhört.
Nicht jedes schwierige Training ist ein schlechtes Training.
Vielleicht war das Training genau deshalb wertvoll, weil es das Kind aus seiner Komfortzone in seine Lernzone geführt hat. Entwicklung fühlt sich nicht immer angenehm an. Manchmal ist sie anstrengend, manchmal frustrierend – und genau deshalb wichtig.
In meinem Blog „Begleiten statt lenken: Mentale Stärke bei Jugendlichen fördern“ beschreibe ich, weshalb Jugendliche oft etwas ganz anderes brauchen, als Erwachsene zunächst vermuten.
Vertrauen braucht Zuhören – nicht vorschnelle Lösungen
Viele Eltern erzählen mir, wie schwierig der Balanceakt zwischen Unterstützen, Zuhören und Eingreifen ist.
Genau darin liegt ihre eigentliche Aufgabe.
Nicht jede Enttäuschung muss sofort gelöst werden.
Nicht jede Emotion braucht eine Reaktion.
Nicht jeder Frust bedeutet automatisch, dass der Trainer oder die Trainerin etwas falsch gemacht hat.
Manchmal war das Training genau richtig.
Manchmal musste ein Kind erfahren, dass Entwicklung ausserhalb der Komfortzone stattfindet.
Deshalb ermutige ich Eltern immer wieder, zuerst zuzuhören.
Fragen zu stellen.
Verstehen zu wollen.
Und erst danach zu entscheiden, ob überhaupt Handlungsbedarf besteht.
Mehr Gedanken dazu findest du auch in meinem Blog „Mentale Stärke fördern: Warum Druck selten Leistung bringt“.
Die wichtigste Aufgabe von Eltern
Einen Satz sage ich Eltern in meinen Coachings immer wieder:
„Du kannst deinem Kind die Basis schaffen. Die Leistung muss dein Kind selbst erbringen.“
Wenn ein Kind nicht will, dann will es nicht. Da spielt es keine Rolle, was wir Eltern uns wünschen.
Was wir jedoch beeinflussen können, ist das Umfeld.
Ein Zuhause, in dem nicht jede Leistung bewertet wird.
Ein offenes Ohr nach schwierigen Trainings.
Vertrauen in die Trainer, denen wir unser Kind anvertrauen.
Und die Bereitschaft, manchmal selbst einen Schritt zurückzutreten.
Ich weiss bis heute nicht, wie ich in der Situation des Vaters am Matterhorn entschieden hätte.
Vielleicht hätte ich mein Kind nicht gehen lassen.
Vielleicht doch.
Aber genau das macht diese Begegnung für mich so wertvoll.
Sie hat mir gezeigt, dass Loslassen nicht bedeutet, sich nicht mehr zu kümmern.
Loslassen bedeutet, Vertrauen zu schenken – dort, wo Vertrauen wachsen darf.
Wenn Eltern und Trainer gemeinsam Verantwortung übernehmen, klare Grenzen vereinbaren und das Wohl des Kindes ins Zentrum stellen, entsteht ein Umfeld, in dem junge Sportler nicht nur sportlich, sondern auch mental wachsen können.
Passend dazu empfehle ich dir auch meinen Blog „Trainer & Eltern als Schlüssel: Mentale Stärke im Nachwuchssport fördern“.
Fazit
Als der Vater die Nachricht erhielt, dass sein Sohn den Gipfel erreicht hatte und bereits wieder auf dem Rückweg war, fiel eine riesige Last von ihm ab. Seine Erleichterung war deutlich spürbar.
Dieser Moment ist mir geblieben.
Nicht wegen des Matterhorns.
Sondern weil er mich daran erinnert hat, dass wir unsere Kinder nicht vor jedem steilen Weg bewahren können.
Aber wir können ihnen etwas viel Wertvolleres mitgeben.
Vertrauen.
Vertrauen in sich selbst.
Vertrauen in die Menschen, die sie begleiten.
Und das Gefühl, dass sie ihren eigenen Weg gehen dürfen – auch wenn wir nicht jeden Schritt mit ihnen gehen können.
Genau dort beginnt für mich mentale Stärke.
Willst du dein Kind auf diesem Weg begleiten und gleichzeitig lernen, wie du Erwartungsdruck reduzierst, ohne an Unterstützung zu verlieren? Dann begleite ich euch gerne dabei. Mein Starterpaket bietet einen idealen Einstieg, um gemeinsam herauszufinden, was dein Kind mental stärkt und wie du als Mutter oder Vater den bestmöglichen Rahmen schaffen kannst.
Ich freue mich darauf, euch kennenzulernen. Mehr Informationen findest du unter www.mentalbereit.ch.




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